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Mitleid mit Christian Wulff

Club of PoliticsDas Ende des Bundespräsidenten ist gekommen. Er ist letzten Endes wohl auch widerwillig zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen. Damit ist das Ziel und somit leider das unwürdige Ende endgültig erreicht: Die Aufklärung.

Wenn denn nicht Wulff selber aufklären wollte oder konnte, dann kann es jetzt die Justiz tun. Die Diskussionen jedoch um Wulff und seinen Taten hören nicht auf. Der Zapfenstreiche wurde derart offen in den Medien diskutiert, dass inzwischen jeder die Lieder der Veranstaltung auswendig vorsingen kann.

Am Ende wusste jeder, wer denn nicht an dieser Verabschiedung teilnehmen werde. An vielen Stellen im Netz wurde es gar im Live-Stream gezeigt. Warum? Wartete man auf versöhnliche Worte? Darauf, dass er von Frau Klarsfeld eine Ohrfeige bekäme?

Oder wollte man als Spanner mit dabei sein, ob die angekündigten Vuvuzelas die Veranstaltung restlos ruinieren? Dient das Ganze einer Aufklärung? Nein, dies ist nun wirklich ein unwürdiger Lückenfüller für offenbar ansonsten fehlende Berichterstattungen.
Ein Hort von Spannern. Ein Beispiel für uns, die wir offenbar inzwischen gerne nach einer Sensation Ausschau halten. Wir stehen auf einer Brücke über einem Autobahnkreuz in der Erwartung eines möglichst geilen Verkehrsunfalls. Wer nicht auf den Zufall warten kann, der wirft mit Steinen auf die bewegten Objekte unter der Brücke. Das Video wird an die Medien verkauft. Die Vermischung von Soap-TV und realem Leben.

Der Club of Politics ist kein Verteidiger von Christian Wulff. Auch wir haben zu einer bestimmten Zeit darüber berichtet und sein Handeln kommentiert. Wir hatten einst sogar seine Nominierung scharf kritisiert. Doch jetzt wird es Zeit, dass sich die Medien wieder auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren. Jede weitere Wulff-Diskussion ist nicht mehr dienlich und deckt nichts Neues auf. Es ist ein unmoralisches Bashing gegen einen bereits erlegten Politiker. Welche Überraschung: Er ist auch nur ein Mensch.

Rechte und Verantwortung

Jede weitere Diskussion wird nicht die Empörung steigern, sondern kann im Gegenteil ungewollte Kräfte freisetzen. Man erinnere sich an den Anschlag an Rudi Dutschke, der erst von Medien wie die Bild-Zeitung einst als das Böse zerrissen und quasi gehetzt wurde, bis ein Bürger derart in Rage geriert, dass er auf Dutschke schoss. Die Übersteigerung und überzogene Pressedarstellung mag zwar durch die Pressefreiheit gedeckt sein. Aber Journalisten und deren Medien haben über diese Pressefreiheit auch eine moralische Verantwortung wahrzunehmen.

Christian Wulff mag seine Fehler nicht ungeschehen machen können. Viele seiner Handlungen mögen rechtlich betrachtet sogar legal gewesen sein. Aber er ist zurückgetreten und politisch wird er wohl kaum wieder eine bedeutende Position einnehmen können. Nicht zu vergessen: Die Staatsanwaltschaft arbeitet noch. Am schwersten aber wiegt das verlorene Gesicht.

Und das Thema Ehrensold? Das ist nicht sein Thema. Das wurde von den Gesetzgebern so definiert. Es ist sicherlich nicht seine Schuld, dass man es ihm zugesprochen hat. Es mag unmoralisch sein, aber es ist nicht seine Schuld. Er schafft einen Präzedenzfall, der vielleicht die gesamte Rolle des Bundespräsidenten zur Diskussion stellt: Freie Wahl durch die Bürger als Anwalt der Bürger und Vermittler zwischen Volk und der gehobenen Kaste der Politiker.

Menschliches Versagen

Menschlich betrachtet verdient Wulff inzwischen unser Mitleid. Er wird bis heute noch nicht begriffen haben, was er falsch gemacht hat. Er hat das deutsche Volke und die Medien in deren Beharrlichkeit vollkommen unterschätzt und glaubte an ein Aussitzen. Selbst als es bei den letzten Veranstaltungen einsam um ihn wurde dachte er an ein gutes Ende. War es Selbstüberschätzung? Falsche Einschätzung der Situation? Trotz?

Oder war sein größter Fehler nicht einfach nur jener, dass er ein Politiker durch und durch war? Wie viele der deutschen Politiker, die heute von Christian Wulff fordern auf seine Ansprüche zu verzichten, würden in seiner Situation den freiwilligen Verzicht auf Ansprüche erklären? Befragt man das deutsche Volk, dann ist die Antwort deutlich: Keiner.

Egal was ein Mensch anstellt. Wir definieren uns als Menschen und postulieren immer wieder die Menschlichkeit und menschliche Würde. Sogar für Kriege stellen wir absurderweise humane Regeln auf. Die Menschlichkeit sollten wir bei aller Aufgeregtheit bei diesem Thema nicht vergessen, und Mitleid für ihn entwickeln. Für ein Verzeihen mag es noch zu früh sein, aber auch das wird irgendwann kommen.

Wer ist perfekt?

Am Ende wollen wir vor allem den Politikern und Massenmedien ein Zitat eines Märtyrers einer ursprünglich kleinen Sekte übersenden:

“Wer meint unschuldig zu sein, der werfe den ersten Stein!“

Am Ende haben ihn die Leute ans Kreuz genagelt. Und auch nach diesen Taten hatte er bei seinem Vater ein gutes Wort für seine Peiniger übrig:

“Herr, vergebe ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“

Daher unsere Bitte an die Kollegen: Habt Mitleid und schließt die Akte Wulff.