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Wave of dangerous freedom

Es bricht aus: Das Volk. Nach Tunesien hat auch Ägypten sich seines Diktators entledigt. Im Jemen setzen sich die Freiheitsbekundungen fort. Selbst in Jordanien bewegt sich das Volk. In Libyen versucht sich ein irrer Gaddafi an der Macht zu halten und in Bahrain bereiten die ersten Scheiche ihre Flucht vor. In den Regionen Nordafrikas und Arabiens macht sich ein Virus breit, der kaum gezündet nun offenbar die Massen der Völker erreicht: Freiheit und Selbstbestimmung. Kaum für möglich hielten die westlichen Politiker diesen Moment. Sogar der US-Geheimdienst war wieder einmal mit seinen Analysten fern der Ereignisse. Doch es stellt sich die zynische Frage:

Will die westliche Welt überhaupt diese Freiheitsbestrebungen? Hat es nicht sogar den Nachteil, ein freies Volk um etwas zu bitten statt einen Diktator zu bestechen? Schnell erwachen Geister, die keiner rufen wollte, wenn man denn das Szenario zu Ende denkt.

Tunesien: Das Volk hat es in kürzester Zeit geschafft, den ursprünglichen Chef des Staates ins Exil zu jagen. Dank der Gnade des Militärs konnten er und seine Frau bei der „Flucht“ noch einiges an güldenen Werten mitnehmen. Das war wichtig, denn Konten in der Schweiz drohte eine schnelle Sperre – sofern es sich nicht um anonyme Nummernkonten handelt. Die Flucht endete im Exil von Saudi-Arabien. Warum? Weil es der sicherste Ort für Ihn ist. Die Sauds wähnen sich immun gegen einen Aufstand. Dazu später mehr.

Die europäische Welt hat indes begriffen, dass nicht alles, was nach Freiheit strebt, positiv für Europa ist. Garantierte der alte tunesische Diktator noch den relativen Schutz der Grenzen vor dem Flüchtlingsstrom Afrikas Richtung Europa, so bleiben die Grenzen im Chaos der Freiheit aktuell unbewacht. Nun ist die kleine italienische Insel Lampedusa wieder der Anlaufspunkt vieler tausender Afrikaflüchtlinge. Eine humanitäre Katastrophe und ein Problem für Europa: Will man diese Menschen abweisen? Will man gar Flüchtlingsboote torpedieren? Europa ist unvorbereitet und ahnte erst wenige Tage nach der Freiheit der Tunesier, was diese Freiheit für Unheil bringen würde. Nun ist das EU-Aussenministerium gefragt – jenes Gebilde, das mit Frau Ashton aus Grossbritannien reichlich unerfahren und inflexibel besetzt ist. Sie ist halt kein Projektmanager sondern ein Bürokrat. Und Bürokraten lösen keine Probleme, sie ordnen und sortieren sie. Darum konnte ihr Amt auch diese Katastrophe nicht vorhersehen. Ashton verwaltet und reagiert. Es wiederholt sich auch die Frage, warum ein britischer Mensch das Amt bekleidet. Haben doch die Briten bekanntlich keine Lust auf Europa.

Ägypten: Das Volk hatte es zunächst schwer, dem Polizeiapparat Paroli bieten zu können. Nachdem der Versuch von Mubaraks Assistenten gescheitert war, das Land aus dem Internet und der Öffentlichkeit zu nehmen, war das Überleben gesichert. Wäre dieses staatliche Tarnschild gelungen, dann hätten Mubaraks Häscher das landesweite Blutbad gewagt. Der zynische Plan: Ein Blutbad ist nicht so tragisch, wenn die Information darüber erst Tage nach dem Bad in der Öffentlichkeit eintrifft. Die später folgenden Proteste hätte man mit den Verbündeten schon irgendwie abfedern können. Nichts heilt besser als die Zeit. Doch schon das Tarnschild misslang und so blieb alles offenbart. Die Polizei konnte drohen, aber eben nicht entscheidend ausführen. Auch das Militär zeigte Präsenz. Wenn es auch zu Beginn noch unklar war, ob für Mubarak oder für ein (militärisch) kontrolliertes Revolutionsergebnis. Das Endergebnis ist noch ungewiss, aber zumindest versucht die militärische Gewalt, den Übergang zu kontrollieren. Das ist vergleichbar mit der langjährigen Innenpolitik des Militärs in der Türkei: Dort versuchte man viele Jahre, jegliche moslemisch Kräfte zu unterdrücken bzw. nicht Teil eines Staates werden zu lassen. Ähnliches könnte auch hier in Ägypten Teil des Plans sein.

Doch nun hat die westliche Welt erst einmal einen verlässlichen Partner verloren. Der Suez-Kanal in der Hand einer selbstbestimmenden Welt? Der Friedensprozess ohne ein Ägypten, das nicht so einfach mit Waffen zu kaufen ist? Quo vadis Ägypten fragt Israel, das jeden direkten oder indirekten Partner im nahen Osten benötigt. Was ein aggressives Israel nicht benötigt ist ein auf freiheitlicher und moslemischer Basis basierendes Ägypten. Denn dort wäre das Drohszenario komplett: Der Islam als unbekanntes Schreckgespenst. Unbekannt für die westliche Welt, aber eigentlich nicht für Israel. Und dort ist die Wahrheit empfindlich getroffen: Würde die westliche Welt den Islam nicht als einzigen Block aus Terroristen betrachten, sondern differenzieren, dann würde auch hier weniger Furcht herrschen. Beispiel Deutschland: Man hat in der Tat radikale isolierende Islam-Organisationen im Lande, die sich mit Geldern des Staates und der EU ausbreiten dürfen. Man denke an die neue Moschee in Duisburg. Doch in der Regel handelt es sich um Organisationen, die im Ursprungsland selber nicht praktizieren dürfen. In Deutschland haben sie ein Ziel: Die dort lebende muslimische Bevölkerung unter Druck zu setzen. Gleiches gilt für die Regeln dieser Gesellschaften. Ohne eine Auseinandersetzung mit dem Thema und ohne Gespräche mit den eigentlich maßgebenden Organisationen bleibt der Moslem das böse bärtige Monster aus den Vorstadtvierteln. Aber wir werden gleich sehen: Der Islam selber missbraucht als staatsbestimmendes Organ wird genau so leiden wie die anderen unterdrückenden Regierungsformen. Denn Dummheit kann zwar Schlachten aber keine Kriege gewinnen:

Denn es gibt weitaus interessantere Ergebnisse der Freiheitsliebe der Menschen in den Regionen Nordafrika und Arabiens als Tunesien und Ägypten: Die islamistischen und islamisch-getarnten Staaten geraten ebenfalls immer mehr in Bedrängnis. Interessant dabei: Freund und Feind in der islamischen Welt sind gleichermaßen betroffen: Saudi-Arabien kann sich aktuell als dekadente pseudo-islamische Diktatur noch isolieren. Auch der Iran als totalitärer Gewaltstaat von Mullahs Gnaden kann dem Druck der Opposition noch standhalten. Doch beide können ihre Herrschaft jetzt bzw. bald nur noch mit Gewalt aufrecht erhalten. Aber: Wenn man als Mensch genug gequält worden ist, dann sinken die Hemmschwelle und die Furcht vor Folter und Tod. Dann brechen Dämme und die Gewalt geht im wahrsten Sinne vom Volke aus.

Iran: Der Iran ist als islamistischer Staat die Hochburg der radikalen Schiiten mit Mullahs und Gottesstaat. Es gibt sicherlich auch weniger radikale Schiiten. Trotzdem: Für die westliche Welt duftet dies deutlich nach Mittelalter. Jahrzehntelang aber konnte dieses Gebilde sich sicher sein, dass die Welt so bleiben würde wie sie war: Zum einen war da der böse Westen voll von Gotteslästerern oder vermeidlichen Kreuzrittern und zum anderen die sunnitischen Nachbarn, die selber in Diktaturen steckten. Zum einen ein großes Feindbild des Westens und zum anderen der scheinbare Druck durch den bösen Glaubensbruder in der Nachbarschaft sorgten für die Kräfte der Stabilität. Es ist wie in einer S-Bahn: Ist der Druck um einen herum gross genug, dann erhält man auch ohne eigene Haltegriffe Stabilität.

Fällt der Druck der Feindschaft weg, weil um einen herum Menschen das Joch abschütteln, dann destabilisiert sich auch der Druck. Er kann nur noch durch inneren druck aufrecht erhalten werden. Für den Iran kein Problem, denn seine Mullahs erlauben als oberste Koranausleger das Mittel der Gewalt gegen die Opposition. Das ist zwar auch im Islam eigentlich in der Tat verboten. Doch wir erinnern uns an den Hexen verbrennenden Papst: Religionsführer bestimmen, was erlaubt ist. Gott ist dann nur noch das ferne Alibi. Die islamische Geschichte wird somit zwar mit Füssen getreten, aber Hauptsache, das Volk glaubt es. Einziger Vorteil des Iran sind die durch US-Gewalt erzeugten Vorbilder im Irak und Afghanistan. Das sind die Bilder des Schreckens, die wirken können. Wie stark, das wird sich zeigen. Die USA hat somit wieder einmal gezeigt, wie wenig vorausschauend ihre Aussenpolitik ist. Der Elefant, der das Poltern des Porzellans nicht hört, weil er selbstverliebt auf sein Spiegelbild schaut.

Saudi-Arabien: Der Staat Arabien lebt schon seit langer Zeit unter der Herrschaft der Familie der Sauds. Es ist eine Art Gewaltenteilung zwischen der dekadenten Herrscherfamilie und den islamistischen Lehrern der Wahabiten. Ohne die Wahabiten könnten die Sauds die Macht nicht aufrecht erhalten. Die Wahabiten sorgen für den scheinheiligen strengen moslemischen Unterbau, die Sauds finanzieren es mit großzügigen Zahlungen in Richtung der Wahabiten. Bezeichnend ist, dass die Schule der Wahabiten auch Nachwuchslager der al-Qaida-Organisation ist. Kein Wunder, ist doch die Familie Bin Laden ein Teil der saudischen High Society.

Was würde nun passieren, wenn der Virus auf Saudi-Arabien übergreifen würde? Ähnlich wie es den Bahrain schon erwischt hat. Es würde ein Präzedenzfall für die Glaubwürdigkeit der USA werden. Die USA sind immerhin seit vielen Jahrzehnten (seit die Bedeutung von Öl bekannt ist) engster Verbündeter der Sauds. Würden die USA bei einer kleinen Revolution den Sauds zur Hilfe eilen? Undenkbar. Würde es eine islamistische Revolution geben? Dann wäre ein Eingriff der USA unvermeidlich. Und wenn nun das Volk einfach keinen Bock mehr hat auf dekadente Sauds? Zum einen haben die Sauds von der westlichen Welt genügend Waffen zur Verteidigung bekommen, zum anderen aber ist kaum damit zu rechnen, dass die Sauds einem solchen Sturm gewachsen wären. Man darf dabei nicht vergessen: Saudi-Arabien würde weit am Ende dieser Sturmwelle unter Druck geraten.

Gesetz den Fall, dass sich Arabien aus den Klauen der Sauds lösen können, was würde das bedeuten? Damit würde für einen Großteil der Welt das Chaos beginnen. Zwar hat Saudi-Arabien nicht die größten Erdölreserven der Welt, aber sie sind die einzigen, die ihre Quellen regulieren können. So können sie den Preis regulieren und stabilisieren (oder anziehen). Auch hier gilt: Eine solche Macht ist in der Hand eines Diktators leichter zu lenken als in den Händen von Selbstbestimmung. Aus Sicht dieser Fakten ist es erklärbar, dass der tunesische ex-Diktator in ein saudisches Exil flüchtet: Es ist aus seiner Sicht die einzig stabile Insel in dieser durch den Freiheits-Virus verseuchten Region. Hinzu kommen Chaos im Iran und im Irak sowie weitere zerfallende Nachbarn. Kurz: Mit einem Schwung wären 50% der Ölreserven ausser Kontrolle. Der Preis des Öls würde in kürzester Zeit explodieren und die Wirtschaft schaden nehmen. Einzig positiver Lichtblick: Ein teurer Ölbarrel bedeutet die attraktive Förderung von anderen Energiequellen. Dies wäre aber nur eine mittelfristige Lösung.